Ein Berliner Festspiel in Tirol

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Was ein Testspiel. Was ein Debüt. Und was eine Mannschaft. Hertha BSC scheint sich gefunden zu haben. Am sommerlichen Donnerstagabend ging die Alte Dame in ihr siebtes Testspiel der Vorbereitung. Im Innsbrucker Tivoli empfing Hertha niemanden geringeres als den FC Liverpool. Beide Vereine gastieren noch bis Ende Juli im bergigen Leogang und trainieren dort auf die kommende Spielzeit hin. Für das Testspiel musste die Hertha eine etwa 90 minutige Busreise vom Teamhotel aus antreten. Klopps Team reiste ebenfalls mit dem Bus an. Doch genug mit Formalitäten. Was die rund 10 000 Zuschauer im Stadion mit Bergblick von den beiden Teams auf dem Rasen geboten bekamen, wird der Bezeichnung eines Testspiels nicht gerecht. Vor allem die Hauptstädter überraschten und programmierten den Titel: Freundschaftspiel in Festspiel um. Dazu schoss sich Hertha Neuzugang Stevan Jovetic direkt in die Berliner Herzen.

Pal Dardai bot gegen den FC Liverpool eine mögliche Startelf für das erste Saisonspiel gegen Köln auf. Berlin nahm das Spiel ernst und sollte gegen Liverpool mithalten. Auch die Engländer spielten mit einer attraktiven Startlef, in der Mane und Salah aufgeboten waren. Man merkte schnell, dass auch die Spieler beider Mannschaften dieses Duell nicht als Freundschaftsspiel verstanden. Klopps Elf übernahm zu Beginn die Partie und kam zu guten Torchancen, konnte jedoch keine nutzen. Dass lag auch an Hertha Keeper Schwolow, der eine Partie erlebte, in der er zwischen Bezirks- und Weltklasseniveau hielt. Die mögliche Führung nach Kopfball von Mane parierte der Berliner Schlussmann glänzend, obwohl Mane alles richtig machte und den Ball gegen die Laufrichtung Schwolows köpfte. Anschließend traute sich auch Dardais Mannschaft mehr zu.

Über Marton Dardai, der das Spiel aus der Innenverteidigung heraus nach vorn lenkte und Suat Serdar, der Fähigkeiten mit dem Ball am Fuß hat, die man lang nicht bei Hertha sah, übernahm BSC mehr und mehr die Kontrolle. Lukebakio probierte über den rechten Flügel viel, blieb jedoch oft hängen. Ähnliches galt für Selke, der zwar kämpfte aber ohne Effekt blieb. Die angekündigten Festspiele wurden in der 21. Spielminute eröffnet, als BSC auf der rechten Außenbahn einen Freistoß zugesprochen bekam. Die anschließende scharfe Flanke von Marvin Plattenhardt fand Santiago Ascacibar. Der kleine Argentinier drückte den Ball über die Linie und brachte Berlin in Führung. Allerdings wurde der Torschütze beim Torschuss in Bodennähe von Liverpool Keeper Kelleher am Kopf getroffen und musste nach seinem Torjubel mit einer Gehirnerschütterung ausgewechselt werden. Darida kam für ihn in die Partie.

Nach dem Führungstreffer besaß Hertha weiter mehr Kontrolle über das Spiel und schaffte es tatsächlich nachzulegen. Wieder war es Lukebakio auf der rechten Seite, der etwas versuchte. Doch diesmal schaffte er es sich gegen Tsmikas durchzusetzen. Mit einem scharfen Zuspiel brachte der Belgier den Ball zu Serdar. Und das was Serdar dann tat war verrückt. Oli Kahn würde es mit „Eier. Wir brauchen Eier!“ beschreiben. Zurücklegen, Kaltgetränk öffnen und ab dafür:

Was ein Tor. Man merkt dem Neuzugang von Schalke 04 an, dass er sich bereits ersichtlich wohlfühlt bei seinem neuen Arbeitgeber. Auch im letzten Testspiel gegen Lübeck traf Serdar. Nach 31 Minuten führte Hertha also 2:0 gegen Liverpool. Alles klar, werden sich die Herthaner gedacht haben. Was allerdings dann folgte, ist typisch Hertha. Ohne Not kassierte man den 2:1 Anschlusstreffer. Torsteher Schwolow traf beim Abwurf die falsche Entscheidung und warf den Ball zu einem Liverpooler, anstatt zu einem Berliner. Pekarik wurde von der Idee seines Keepers überrascht und kam nicht in den Zweikampf mit Tsmikas, der den Ball mit der Brust mitnahm und dann auf das Berliner Tor zu rannte. Die beiden Innenverteidiger Stark und Dardai hatten Abspracheprobleme und mussten zusehen, wie Tsmikas den Ball zu Mane querlegte. Unnötiges Gegentor, eingeleitet durch eine falsche Entscheidung des Berliner Torhüters. Den nächsten Dämpfer der setzte Liverpool nur 10 Minuten später. In der 41 Minute traf Minamino zum 2:2 Ausgleich. Wieder wurde der Treffer aus der linken Strafraumhälfte der Hertha vorbereitet. Salah brachte den Ball per Hacke zum Japaner, der nur noch einschieben musste. Hertha gab ihr tolles Spiel in nur 10 Minuten her. Dennoch, es war eine hochklassige Partie, die hitzig, schnell und mit vier Toren in die Halbzeit ging. Unter der leicht kühlen Innsbrucker Abendsonne sollte eine zweite Hälfte folgen, welche die es mit Hertha BSC halten nicht so schnell vergessen werden.

2. Halbzeit

Beide Cheftrainer brachten für den zweiten Durchgang neue Spieler. Dardai gab dem jungen Dirkner eine weitere Chance. Für ihn verließ Torschütze Serdar das Feld. Jürgen Klopp entschied sein Team auf sechs Positionen zu verändern. In der zweiten Hälfte standen nun unter anderem Robertson, Alexander-Arnold, Oxlade-Chamberlain, Mane und Salah auf dem Rasen. Auch Virgil Van Dijk gab später nach 285 Tagen sein Comeback nach Kreuzbandriss. Folglich war Hertha nominell noch unterlegender, als in den ersten 45 Minuten. Die Berliner arbeiteten und schafften es Tritt zu halten. Dies gelang auch dank Torwart Schwolow, der mehrmals seine Entscheidung vor dem 2:1 wettmachen konnte. Zur 60. Minute entschloss sich Dardai seinen neuen Stürmer Stevan Jovetic debütieren zu lassen. Der 31-jährige brauchte nicht lange, um sich gebührend vorzustellen. 6 Minuten nach Einwechslung des 31-jährigen Montenegriners, schaffte es Lukebakio einmal mehr einen Zweikampf zu gewinnen. Er flankte den Ball punktgenau auf den Kopf von Stevan Jovetic, der seine Torjägerqualität unter Beweis stellte. Unbedrängt köpfte er zur erneuten Berliner Führung ein. Erstes Spiel, erste Chance, erstes Tor. Anschließend beschloss Dardai erneut auszuwechseln. Der Ungar war offenbar sehr zufrieden mit der Leistung seiner nominellen Stammspieler und spielte Jugend forscht. Doch wer die Hertha-Akademie kennt, der weiß, dass dort einige Stammspieler der Hertha anfingen. Liverpool brachte statt ihrer Jugend Van Dijk und Gomez. Hertha spielte in den letzten 20 Minuten mit einer verbesserten Jugendmannschaft gegen die Champions League Sieger von 2019. Klar, es ist nur ein Testspiel. Dennoch führt Hertha nicht alle Nase lang mit 3:2 gegen den FC Liverpool. Aus Sicht der Berliner hätte der Scheidsrichter die Partie auch zu diesem Zeitpunkt abpfeifen können.

Jove Jove!

Die Ausgangssituation, die Führung über die Zeit zu bringen, war nicht gerade angenehm für Hertha. Liverpool drückte auf den Ausgleich und kam zu Chancen. Doch Berlin schaffte es in der Defensive stabil zu bleiben. Allem voran Schwolow, der Hertha Sicherheit im Kasten brachte. In der 80. Minute rannte Berlin in einen der vielen englischen Konterangriffe. Marlon Morgenstern war es, der glänzend aufpasste und in der Rückwärtsbewegung den Ball wegstochern konnte. Was dann passierte gleicht einem Festspiel. Auch den zweiten Ball gewann Hertha, durch eine klasse Grätsche von Rouwen Werthmüller. Nicht nur Grätsche, sondern Pass. Nahe der Mittellinie bekam Stevan Joevtic den Ball und konnte auf das Tor zu rennen. Begelitet wurde er dabei von Van Dijk. Fair gesagt gibt es leichtere Gegenspieler, gegen die ein Stürmer sich durchsetzen will. Doch Jovetic setzte alles auf eine Karte und legte ein Dribbling der besonderen Art hin. Er schaffte es van Dijk wie ein Grundschüler aussehen zu lassen und lies danach soagr noch einen Verteidiger aussteigen. Tor des Monats – Mindestens. Ein Berliner Festtag!

80 Minute – 4:2 Führung für Hertha. Erstes Spiel, erster Doppelpack für Jovetic. Zur Erinnerung: Der Mann kam ablösefrei. Fredi Bobic wird sich wohl ins Hemd gelacht haben. Auch im Netz schlug das Tor, wie eine Bombe, ein. Die Berliner Fans beschwerten sich in einer Vielzahl über den Verkauf Cordobas. Doch Jovetic macht seinen Abgang vergessen. Dazu bekam der Montenegriner direkt auf Twitter einen Spitznamen von den Hertha-Fans. Jove Jove hallte es nach seinem Tor, durch das soziale Netzwerk. Nach dem 4:2 machte Hertha nichts mehr und wollte die Führung endgültig über die Zeit retten. Bis 2 Minuten vor Spielende gelang der Plan. Dann traf Oxlade-Chamberlain zum 4:3. Mehr passierte allerdings nicht mehr. Was ein Spiel. Hertha BSC schießt vier Tore gegen Liverpool und gewinnt das Spiel. Ein großer Fehler, der im Fußball gern gemacht wird, ist ein Testspiel-Ergebnis überbewerten. Sicherlich ist Klopp noch nicht auf dem Trainingsstand, auf dem Dardai mit seinem Team ist. Dennoch ist das Ergebnis angesichts der Mannschaft, die Liverpool gegen Hertha im zweitem Durchgang aufbot, ein voller Erfolg für Hertha. Es stand ein leidenschaftliches Team für Hertha auf dem Platz. Jeder kämpfte für jeden. Ein echte Teamleistung. Für neutrale Zuschauer war es ein Festtag. 7 Tore und klasse Spieler – Was will das Fußballherz mehr?

Berlin wird am kommenden Sonntag ihr erstes Pflichtspiel bestreiten. Für die erste Pokalrunde wird Hertha an die holländische Grenze zum SV Meppen fahren. Dann hat Dardais Mannschaft die Chance, das Ergebnis gegen Liverpool zu bestätigen. Im letzten Jahr schied Hertha unter Labbadia in der ersten Pokalrunde aus. Dieses Jahr soll eine Blamage gegen den Regionalligisten tunlichst vermieden werden. Der FC Liverpool wird am 14. August sein erstes Pflichtspiel bestreiten. Dann werden die Reds am ersten Spieltag der Premier League gegen Aufsteiger Norwich antreten.