Hertha BSC: Bobics Wette mit sich selbst, die einen Tayfun verursachte

Fredi Bobic
REUTERS/Annegret .

Kommentar


Covic, Klinsmann, Nouri, Labbadia, Dardai. Wenn Tayfun Korkut am Sonntag beim nächsten Spiel von Hertha BSC an der Seitenlinie stehen wird, wird Korkut der insgesamt sechste Trainer sein, der beim Hauptstadtclub seit dem Einstieg Windhorsts im Winter 2019 als Cheftrainer tätig sein wird. Sechs? Ja, Korkut ist der sechste Trainer innerhalb 3 Jahren. Von dem ausgerufenen Saisonziel der Stabilität ist keine Spur mehr. Sportchef Bobic geht eine Wette mit sich selbst ein. Und das ohne Not. 

In diesem Kommentar wird es wild. Ob es allerdings genauso wild wird, wie bei der Hertha seit Winter 2019, darf angezweifelt werden. Das ganze Wirrwarr beim BSC ist kaum in Worte zu fassen. Daher ziehe ich diese Tabelle zurate, um es bildlich zu erklären. 

ZeitpunktGeschehen
Sommer 19/20Covic beerbt Dardai als Trainer
2019Lars Windhorst steigtals Investor bei Hertha ein
Vorrunde 19/20Covic wird als Trainer entlassen
Winter 2019 Hertha kauft Piatek, Tousart, Ascacíbar und Cunha für ca. 80 Mio. €
Rückrunde 19/20Jürgen Klinsmann wird neuer Trainer
Januar 2020Lars Windhorst will aus Hertha den „Big City Club“ machen
Rückrunde 19/20 Jürgen Klinsmann versucht einen internen Putschversuch und scheitert. Er tritt per Facebook Live als Trainer zurück.
Rückrunde 19/20 Alex Nouri übernimmt das Cheftraineramt, doch scheitert kläglich
Rückrunde 19/20 Pandemie setzt die Bundesliga außer Betrieb
Rückrunde 19/20 Bruno Labbadia wird neuer Trainer / Neuanfang
Hinrunde 20/21 Labbadia wird entlassen
Hinrunde 20/21 Manager Michael Preetz muss nach 25 Jahren gehen
Dezember 2020Carsten Schmidt wird neuer CEO
Rückrunde 20/21 Labbadia wird entlassen
Rückrunde 20/21 Pal Dardai kehrt als Trainer zurück
Endspurt 20/21Hertha muss in Quarantäne
SaisonendePal Dardai rettet Hertha / Klassenerhalt
Saison 21/22Fredi Bobic kommt als Sportchef
Saison 21/22 Bobic gibt Cunha und Co. ab / Die Pandemie hat Windhorst-Millionen verschlungen
Hinrunde 21/22Carsten Schmidt tritt aus persönlichen Gründen zurück
Hinrunde 21/22 Bobic feuert Dardai auf dem 14. Platz
Hinrunde 21/22 Bobic stellt Tayfun Korkut nach 3 Jahren ohne Job als Trainer vor

Nach dem jüngsten Geschehen hallte es durch die sozialen Netzwerke. „Wisst ihr eigentlich, was wir Fans seit drei Jahren ertragen müssen“, hieß es dort. Das alles und noch viel mehr. Denn seit Windhorst einstieg, ist es für die Berliner Fans ein nie endendes Drama. Die Erwartungshaltung ist klar. Wer soviel finanzielle Hilfe bekam, der muss in die Champions League. Auch die Hertha-Fans müssen gestehen, dass diese Forderung nach all dem Geld legitim ist. Doch wer sich näher mit dem Thema beschäftigt, der erkennt, dass zu viele Fehler gemacht wurden, um überhaupt einen Ansatz von Stabilität zu sehen. Preetz fungierte in seinen Jahren als Manager mehr als Buchhalter, aber nie als Visionär. Er holte gute Spieler. Einzelspieler. Eine Mannschaft stellte er dem Trainer, welcher auch immer gerade da war, nie zur Verfügung. Seitdem Rekordtransfer-Winter belegte Hertha folgende Plätze: 10 und 14. Und auch jetzt steht man auf dem 14. Tabellenplatz. Doch der Kader ist bei allem Respekt nicht im Ansatz so gut, wie in den beiden letzten Jahren. Anstatt zum nächsten Meisterschaftsanwärter entwickelte sich Hertha zurück zur alten grauen Maus. Mit dem feinen Unterschied, dass über sie gelacht wird und die Fans es aushalten müssen.

Folglich ist man Berlin wütend. Zumindest im Westteil der Hauptstadt. Denn es soll einfach nicht nach vorne gehen. Es gibt nicht wenige Fans, die sagen, dass der Einstieg der Tennor GmbH besser nie passiert wäre. Auch, wenn Windhorst damals den rapiden finanziellen Segen brachte, wissen wir drei Jahre später, dass erstens die sportliche Entwicklung abnahm. Und zweitens, die bislang knapp über 300 Millionen Euro, welche Lars Windhorst bis hierhin in den „Big City Club“ investierte, wie er Hertha nannte, nahezu aufgebraucht sind. Fehleinkäufe, Schuldenabbau und die Pandemie. Weg ist die Windhorst-Kohle.

Wenn man über Hertha BSC in diesen Tagen spricht, dann weiß man nicht wo man anfangen soll, geschweige denn wo dieses Gespräch hinführt oder endet. So geht es mir genau beim Schreiben dieses Kommentars. Doch auch ich habe, wie der Großteil der Hertha-Fans, die Schnauze voll, um es im Berliner Dialekt deutlich zu sagen. Wut, Enttäuschung, zerbrochene Hoffnung, die noch mehr Fünkchen weise am Leben ist. Man kommt sich veräppelt vor. Doch dabei sollte es vor allem in dieser Spielzeit nur noch bergauf gehen. 

Fredi Bobic – Neue Hoffnung kommt auf

Die erneute Hoffnung der Herthaner resultierte aus der Verpflichtung Fredi Bobics als neuer Sportchef. Was Bobic in Frankfurt leistete, endete mit dem Gewinn des DFB-Pokals und dem beinahe Einzug ins Endspiel der Europa League. Ein modernes Fußballwunder, wenn man mich fragt. Eintracht Frankfurt und Hertha BSC sind zwei sehr emotionale Clubs. Beide unterscheiden sich kaum. Bis auf den sportlichen Erfolg der letzten Jahre. Auch mit Windhorst im Rücken hatte Hertha das Nachsehen in der Tabelle. Doch mit Bobic als Manager sollte sich das im Handumdrehen ändern lassen. So dachte man zumindest in Berlin. Bobic ist jemand, der selbst jahrelang als Spieler Teil der Hertha-Familie war und als Manager stets ohne großes Geld ein ganz großes Händchen bewies. Bobic ist der Heilsbringer, den man sich in Berlin wünschte. Doch, so wissen wir jetzt, ist auch die sportliche Entwicklung unter seiner Führung ausgeblieben.

Das hat Gründe, für die Bobic nicht unverantwortlich ist. Das sagen zumindest die Fans. Denn Bobic verkaufte Herthas bestes drei Spieler im Sommer. Cunha, Lukebakio und Córdoba. Gekauft hat Bobic dafür Belfodil und Richter. Mentalität statt Qualität. Mit dieser Überzeugung wirbelte Bobic auf dem Transfermarkt. Dardai hatte nie ein Mitspracherecht bei der Personalpolitik. Er arbeitet „mit dem, was man mir gibt“, so Dardai. Cunhas Kreativität kompensiert bislang Serdar, den Bobic als essenziellen Neuzugang präsentierte. Mit Serdar und Richter behielt Bobic bis hierhin Recht. Doch 13 Spieltage nach Saisonstart steht die Alte Dame trotzdem auf dem 14. Tabellenplatz.

Bobic feuert Dardai

Wer ist schuld daran? Bobic wollte nach den zuletzt turbulenten Spielzeiten eine stabile Saison. Keine Aufreger. Mal gewinnen, besser öfter als verlieren. Hertha halt. Man solle „erst die Stadt zurückgewinnen, bevor man von Champions League und Co. redet“, so Bobic. Vernünftig. Denn auch die Herthaner haben es verstanden, dass es mit Einzelkönnern nicht geht. Dazu wisse man, dass der Verein finanziell wieder da steht, wo Windhorst ihn übernahm. Aber nach dem 1:1 gegen Augsburg am letzten Samstag ging Bobic eine Wette mit sich selbst ein und fand seinen Schuldigen.

Denn er entließ am Montagmorgen Pal Dardai. Bobic fehle die sportliche Weiterentwicklung, die er trotz Stabilität-Ausruf anstatt von Champions League Ambitionen sehen möchte. Ja, Hertha kann besser spielen als das, was die Mannschaft seit Beginn der Saison ablieferte. Und ja, sportlich kann man Bobics Entscheidung nach zuletzt vier sieglosen Spielen nachvollziehen. Doch, wenn man betrachtet, wen Bobic als Lösung präsentierte, kann man den Unmut der Fans nachvollziehen. 

Bobic stellte Tayfun Korkut vor. Korkut trainierte seit drei Jahren keine Mannschaft mehr in der Bundesliga. Dazu wurde der Stuttgarter bei seinen bisherigen Stationen bei Hannover, Kaiserslautern, Leverkusen und Stuttgart entweder gefeuert oder sein Vertrag wurde nicht verlängert. Ein Engagement Korkuts als Cheftrainer bei einem Bundesligaclub hielt nie länger als 6 Monate. Sportlich gibt es absolut keine Gründe, warum Bobic sich für Korkut entschied. Auch Bobic selbst hatte keine sportlich relevante Begründung parat und sagte auf Nachfrage der Journalisten am Montag bei der Vorstellung Korkuts: „Man kennt sich“. Gut, wenn das ausreicht, um Bundesligatrainer zu werden, dann kann die Einstiegsbarriere nicht allzu groß sein. In den sozialen Netzwerken hatte man nicht nur mit blau-weißer Brille die einstimmige Meinung, dass Bobics Entscheidung ein Aprilscherz sein müsse. 

Alles wirkt komisch

„Eigentlich ist es immer dasselbe. Erfolgreich Fußball spielen“, so beschrieb Korkut seine Spielphilosophie. Das will wohl jeder Trainer. Darum geht es im Fußball. Allerdings ist seine Aussage nicht einmal die richtige Antwort, wenn man nach der eigenen Spielphilosophie gefragt wird. Allgemein herrschte bei der Vorstellungs-PK nicht ein Hauch von Aufbruchsstimmung, die eigentlich da sein sollte, wenn ein neuer Trainer kommt. Nein. Es wirkte alles komisch. Es fühlte sich vielmehr wie eine Beerdigung an.

Denn zum zweiten Mal beerdigte Hertha BSC, ohne in großer Not zu sein, den Mann, der immer alles für Hertha gab und den Verein zweimal rettete. Pal Dardai wurde aufgrund der fehlenden sportlichen Entwicklung der Mannschaft und einzelner 2019 von damals noch Manager Preetz entlassen. Im letzten Winter gab sich Dardai erneut hin und rettete Hertha vor dem Abstieg. Und nochmals: Ja, der Fußball unter Dardai war kein Gaumenschmaus. Es geht besser. Doch kann man hinsichtlich der Entscheidung für Korkut die Entlassung nachvollziehen? Nein. 

Angenommen Hertha hätte in den beiden letzten Heimspielen nicht jeweils den Ausgleich tief in der Nachspielzeit bekommen, hätte Hertha nun 18 Punkte. Damit wäre man mit Leipzig punktgleich. Bobic prangerte stets die fehlende Mentalität Herthas an und bevorzugte daher auf dem Transfermarkt charakterlich starke Spieler. Dazu setzte er diesen Wunsch bekanntlich über die Qualität der Fußballer. Es stimmt, dass Hertha in den letzten beiden Saisons ein zusammengekaufter Haufen war, der nur aufgrund individueller Klasse am Leben blieb. Doch Bobic entschied sich bewusst, die genannten Spieler aufgrund ihrer Spieleinstellung zu verkaufen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Pandemie den Großteil der Millionensumme Windhorsts auffraß. Hertha musste also verkaufen. Mit Blick auf Dardai lässt sich sagen, dass er mit dem arbeitet, was man ihm gab. So beschrieb der Ungar immer das Verhältnis zu der Personalpolitik seiner Vorgesetzten. Und dafür, dass Lukebakio, Cunha und Córdoba nicht mehr auf dem Spielberichtsbogen zu finden sind, sondern Selke und Belfodil sind beinahe 18 Punkte gar nicht verkehrt. 

Bobic geht eine Wette ein

Dardais Entlassung ist eine Wette. Eine Wette, die Bobic einzig und allein mit sich selbst einging. Er wettet, dass die Mannschaft besser spielen kann, als sie bislang gezeigt hat. Konkret ist Bobics Wetteinsatz ein Trainer, der seit 3 Jahren keinen Job mehr in der Bundesliga bekommen hat. Dazu wirft er seine bis hier hin überaus gute Reputation gleich mit in den Ring. Das größte Fragezeichen bei dieser Wette ist aber gar nicht die Entscheidung Korkut anzuheuern, sondern, dass Bobic Dardai auch entlassen hätte, wenn Hertha gegen Augsburg gewonnen hätte. Das gestand Bobic am Montag. 

Nun muss er liefern. Ohne Not hinsichtlich eines Saisonzieles, welches Stabilität ist, widersprach sich Bobic mit seinem Handeln am Montag auf ganzer Länge. Er will, dass Hertha besser spielt. Aber wer will mit schönem Fußball verlieren, wenn man die Chance hat, mit 1:0 zu gewinnen? Nach zwei Saisons, in der Hertha beinahe zum neuen HSV wurde, riskiert Bobic alles. Denn die Mannschaft, die gegen Stuttgart am Sonntag spielen wird, hat er zu verantworten. Und dazu den Trainer obendrein. Geht das schief, war Bobic nicht der ersehnte Heilsbringer, sondern ein Chaot. Ertragen müssten die, die darauffolgende Häme, erneut die Fans.

Um es noch einmal zu verdeutlichen: Die Entscheidung Dardai, aufgrund der Spielweise, zu entlassen ist nachvollziehbar. Allerdings ist sie angesichts der Tabelle im Vergleich zur letzten Saison und hinsichtlich der Entscheidung für Korkut nicht nachvollziehbar. Trotzdem gilt jedem eine faire Chance. Für Korkut ist es aber wohl die letzte in der Bundesliga. Auch Korkut muss liefern – Auch er wettet auf sich selbst.